Donnerstag, 18. Januar 2018

Niemand sucht aus

Man sucht sich das Land seiner Geburt nicht aus,
und liebt doch das Land, wo man geboren wurde.


Man sucht sich die Zeit nicht aus, in der man die Welt betritt,
aber muss Spuren in seiner Zeit hinterlassen.


Seiner Verantwortung kann sich niemand entziehen.


Niemand kann seine Augen verschließen, nicht seine Ohren,
stumm werden und sich die Hände abschneiden.


Es ist die Pflicht von allen zu lieben
Ein Leben zu leben,
ein Ziel zu erreichen.


Wir suchen den Zeitpunkt nicht aus, zu dem wir die Welt betreten,
aber gestalten können wir diese Welt,
worin das Samenkorn wächst, das wir ins uns tragen.



Gioconda Belli

Mittwoch, 17. Januar 2018

Undecim

aufs neue verzweigen die wege
eine unbekannte weite öffnet sich
und unberührt zeigt uns die landschaft
herzblüten fingeraugen schwingendes wolkenglas
wir trauen den verzweigungen im wachsen der jahre
fügen uns ein und werden doch weiter
entmündigen die härte und bleiben uns eigen
bäume gräser gelesene wasserbücher
ordnen sich neu wachsen wuchern verzweigen
öffnen sich lichtlinien ungebändigt
wir wagen das bekenntnis für eine neue reise
flüstern die liebesworte mit einem neuen ton
wir wagen die zärtlichkeiten wie eine wiederkehr
entdecken das versprechen wie eine losung zum lieben
aufs neue erfinden sich unsere wegsteine
aufs neue wagen wir uns
aus den unbekannten schatten
des kommenden jahres




                                                                                  für Annemarie


Hermann Josef Schmitz



Wie schön, auf ein weiteres gemeinsames Jahr zurückschauen zu dürfen. Wie schön, sich mit Dir auf das nächste gemeinsame Jahr zu freuen. Ich danke Dir, meiner herzgeliebten Frau, für die Worte seinerzeit, die etwas in meinem Leben zum Blühen gebracht haben, um das ich nur ahnte. Und ich danke Dir für alles, was wir im zurückliegenden Jahr erleben durften. 

Du bist die, die ich meine und Du bleibst mir immer Verführung zum Leben ...

Dienstag, 16. Januar 2018

Orientierung

Mein Herz, diese Sonnenblume
auf der Suche
nach dem Licht.


Welchem
der lang vergangenen Schimmer
hebst du den Kopf zu

an den dunklen Tagen?



Hilde Domin

Montag, 15. Januar 2018

Das hält

der stille unbewohnte ast
streift unentwegt den fluss des wassers
die graue luft aus schweigen
trägt schwer am moos der weiten flügel
in einer unscheinbaren nacht
vermisst der traum den strand der sterne
mich hält der schwung von deiner schulter
an der die heimat ruht in der ich wohne



Hermann Josef Schmitz



Tiefgang und Heiterkeit ... ein geschriebenes Roadmovie vom Aufbruch einer 71-jährigen. Hat mir gut gefallen.



Sonntag, 14. Januar 2018

Und einmal steht das Herz am Wege still

Häuser und Mauern, welche die Menschen überdauern,
Bäume und Hecken, die sich über viele Menschalter strecken,
Dunkel und Sternenheer, in unendlich geduldiger Wiederkehr,
Kamen mir auf den Hügelwegen in der Sommernacht entgegen.
Nach der Farbe von meinen Haaren, bin ich noch der wie vor Jahren,
Nach meiner Sprache Klang und an meinem Gang
Kennen mich die Gelände und im Hohlweg die Felsenwände.
Viele Wünsche sind vergangen, die wie Sterne unerreichbar hangen,
Und einmal steht das Herz am Wege still,
Weil es endlich nichts mehr wünschen will.


Max Dauthenday



Am Freitagabend auf dem Weg nach Hause seit Langem mal wieder SWR 1 gehört. "Crossroads" von Cream kannte ich nicht. Und das es einen Film über Eric Clapton gibt, der in England angelaufen ist, wusste ich nicht. A Life in 12 Bars kommt hoffentlich auch in die deutschen Kinos.




Samstag, 13. Januar 2018

In den Gedichten wohnten wir

in den gedichten wohnten wir
wie in unbekannten räumen
unsere gegenwart zwischen atem und atem
ein ufer zu einem weiten meer
draußen vor den unbekannten räumen
komponierten sich die worte zu neuem gesang
wuchs die herzblüte aufs neue ins licht
in den gedichten wohnten wir
und die gedichte wuchsen im feuer zu glas



Hermann Josef Schmitz

Freitag, 12. Januar 2018

Früh im Wagen

Es graut vom Morgenreif
In Dämmerung das Feld,
Da schon ein blasser Streif
Den fernen Ost erhellt;


Man sieht im Lichte bald
Den Morgenstern vergehn,
Und doch am Fichtenwald
Den vollen Mond noch stehn:


So ist mein scheuer Blick,
Den schon die Ferne drängt,
Noch in das Schmerzensglück
Der Abschiedsnacht versenkt.


Dein blaues Auge steht
Ein dunkler See vor mir,
Dein Kuß, dein Hauch umweht,
Dein Flüstern mich noch hier.


An deinem Hals begräbt
Sich weinend mein Gesicht,
Und Purpurschwärze webt
Mir vor dem Auge dicht.


Die Sonne kommt; – sie scheucht
Den Traum hinweg im Nu,
Und von den Bergen streicht
Ein Schauer auf mich zu.



Eduard Mörike



Ich wünsche Euch ein Wochenende voller Lichtlinien, Zuneigungen und Herzbegegnungen.

Donnerstag, 11. Januar 2018

Geduldig

im zeitgewinde atmet der frühlingstraum
und lebt geduldig hinter der schattenrinde



Hermann Josef Schmitz

Sehr gefreut habe ich mich gestern über die Veröffentlichung meines Artikels über Teamentwicklung hier.

Mittwoch, 10. Januar 2018

Heute fürchte ich nichts

Heute fürchte ich nichts,
heute zeige ich mich
freimütig schutzlos dem Tag
und wage, mich zu freuen,
weil ich lebe,
weil ich auf eine Art lebe,
die nur ich weiß und kann,
ein Leben unter Milliarden,
aber das meine, das etwas sagt,
was kein anderer sagen kann.
Das Einmalige eines jeden Lebens.
Es macht heiter, zu wissen,
das jeder recht hat mit sich selbst.
Schön ist es älter zu werden,
erlöst von sich selbst,
von der gewaltigen Anstrengung
„etwas zu werden“,
etwas darzustellen in dieser Welt,
gelassen sich einzufügen
irgendwo, wo gerade Platz ist
und überall man selbst zu sein
und zugleich weiter nichts
als einer von Milliarden.



Luise Rinser

Dienstag, 9. Januar 2018

Von vorne

zwischen zwei regenorten vage lichtschimmer zwischen aufgelösten schneeplanken die schwere der tage lässt sich nicht messen nur der fluss ist gewachsen und hat die ufer erhöht ausgerissene baumflügel eine alte geschichte am wegrand ein vermächtnis ausgestanzte schlussnotizen die vergangenheit an manchen stellen ein geheimnis zwischen zwei regenorten tragen die schritte schwer abgebissene bäume ausgerissenes gras keine blüten ab und zu luftrosen aufgelöste sterne und unerhörte sehnsüchte ich wähle den rückweg und mit einem seitenblick beginnt das ende von vorne


Hermann Josef Schmitz