Samstag, 31. August 2013

Das Schönste am Heimkommen

aus glatten fäden
schwingt noch mal
die warme luft empor
verleiht den uferblättern
einen letzten schwung
und eine katze räkelt
launisch lüftend ihren bauch
die sterne knüpfen sich
ein netz im aufgeritzten blau
bereitet sich die nacht
und webt aus dunkler seide
ihr unkündbares angebot



Hermann Josef Schmitz

Freitag, 30. August 2013

Atemloser August

Sommermonde machen Stroh aus Erde
Die Kastanienblätter wurden ungeheuer von Gebärde,
Und die kühnen Bäume stehen nicht mehr auf dem Boden,
Drehen sich in Lüften her gleich den grünen Drachen.
Blumen nahen sich mit großen Köpfen, und scharlachen,
Blau und grün und gelb ist das Gartenbeet, hell zum Greifen,
Als ob grell mit Pfauenschweifen ein Komet vorüberweht.
Und mein Blut, das atemlos bei den sieben Farbenstreifen stille steht,
Fragt sich: wenn die Blum', Baum und Felder sich verschieben,
Ob zwei Menschen, wenn die Welt vergeht,
Zweie, die sich lieben, nicht von allen Wundern übrig blieben.



Max Dauthendey

Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende, das als blühender Strauß des Lebens vorbeikommt.

Donnerstag, 29. August 2013

Aus tiefem Grund und ohne Pflicht

woher bist du gekommen
bevor du dem tag die kleider ausgezogen hast
wie unbefangen wolltest du sein
wo ein neues werden begann
du schutzlos deine hände zur nacht gegeben
wie sommerreif blieb dann die forderung
zu eines neuen lebenstages bleibe
wie sehr der anspruch
dann aufs neue zu beginnen
mit einem ziel
so viel wie möglich zu genießen
aus tiefem grund und ohne pflicht


Hermann Josef Schmitz

Mittwoch, 28. August 2013

Du sollst nicht

Du sollst mir nicht zusehen wenn
Meine Fratzen den Spiegel zerschneiden
Wenn ich mich umdrehe nachts
Fensterwärts wandwärts
Und die Leintücher seufzen.


Du sollst nicht sehen wie ich mich vorwärtstaste
Blind an der Kette meiner Niederlagen
(Auch an diese kann man sich halten)
Noch anwesend sein
Wenn ich meine pathetischen Verse lese.


Einmal bedurfte es nur eines Wortes von dir
Und die Laufschritte in meinem Rücken fielen ab.
Nur deiner Hand mir unter die Wange geschoben
Und ich schlief.



Marie Luise Kaschnitz

Montag, 26. August 2013

Leise

diese gute stille
die sich wie ein gemachtes nest
für den unruhigen herzschlag verschenkt
diese deine nähe
in der ich aufgehobener bin denn je
diese ungebändigte zärtlichkeit
einer einzigen nachmittagsstunde
in der der regen weit draußen fällt



Hermann Josef Schmitz

Sonntag, 25. August 2013

Natur

„Studiere die Natur, liebe sie und bleibe ihr nah. Sie wird dich nie enttäuschen.“


Frank Lloyd Wright

Samstag, 24. August 2013

Gen Süden

die ersten zugvögel
suchen ihre flugbahnen aus
legen die sehnsucht nach süden
auf stromlinien
schattieren wolken
die vergänglichkeit des lichtes
haut verwandelt sich
und kehrt bei sich selbst
in kleinen schüben ein
und tauscht den himmel
gegen einen anderen
die ersten zugvögel
legen eine federkette in die luft



Hermann Josef Schmitz

Freitag, 23. August 2013

Abgewandt

Abgewandt
warte ich auf dich
weit fort von den Lebenden weilst du
oder nahe.


Abgewandt
warte ich auf dich
denn nicht dürfen Freigelassene
mit Schlingen der Sehnsucht
eingefangen werden
noch gekrönt
mit der Krone aus Planetenstaub -


die Liebe ist eine Sandpflanze
die im Feuer dient
und nicht verzehrt wird -


Abgewandt
wartet sie auf dich -



Nelly Sachs


Schönes Sommerwochenende wünsche ich Euch.

Donnerstag, 22. August 2013

Bedingungslos

ich bin so gern bei dir
in deinen räumen
und lad dich immer wieder
zu mir ein
wir schauen
wägen worte
wagen weite blicke
und schweigen
wenn der hände
leises aufbegehren
der sehnsucht
ohne unterlass
die türen öffnet



Hermann Josef Schmitz

Mittwoch, 21. August 2013

Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möchte ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.



Rainer Maria Rilke


Die Konzerte von Cantus Avium kann ich wärmstens empfehlen.










Dienstag, 20. August 2013

Ausnahmezustände

I

sie gehen
den unbequemen häusern
aus dem weg
ihre fluchten enden
vor kleiderschränken
und schuhregalen
exmatrikuliert vom leben
das längst
zum hürdenlauf geworden war


II

sie erregen sich
vor ihren schränken
hinter der stirn
folgen sie
den tätowierten bildsätzen
ohne frage



Hermann Josef Schmitz

Montag, 19. August 2013

Ohne Titel

Es kostet hellwache Tage
und schlaflose Nächte
um heraus zu finden
was ins Helle gehört
und was im Dunkeln
bleiben muss



Werner Lutz


Gestern unter dichtem Grün mit Blick in leuchtendes Blau in einem Zug gelesen:







Sonntag, 18. August 2013

Wechseltage II

dann vergehen sie leise
die warmen nächte draußen
schattenflecke an den flussufern
verschwinden die langen lichtstunden
werden die wiesen kühler
kommen die sterne früher
klagt ein schmirgelnder wind
über den geschnittenen feldern
dunkelt die zeit
gehe ich zu dir
wo dein herz für mich brennt


Hermann Josef Schmitz


Gerade fertig gelesen:




Samstag, 17. August 2013

Vergänglichkeit

Wesen bist du unter wesen
Nur daβ du hängst am schönen
und weiβt, du muβt
davon.



Reiner Kunze

Freitag, 16. August 2013

Wechseltage I

sonnensatte flügelwesen
liegen müde an den blütenrändern
und hinter felderwegen
härten sich der gräser halme
ein bündel roter klee
verbrannte in den letzten tagen
felder liegen blankgeschnitten
jetzt verletzt und unbeschützt
jedoch in diesem anderen brunnen
der voll von sommerlicht sich wiegt
da nähren sich in dunkelgrünen bäumen
die jungen früchte
und stimmen dich versöhnt
in diesem aufbruch leiser sommertage
Hermann Josef Schmitz


Genießt das Sommerwochenende und findet viele Sommerlichtbrunnen ...











Donnerstag, 15. August 2013

Mondnacht

Es war, als hätt' der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt'.


Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.


Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.



Joseph von Eichendorff


Mittwoch, 14. August 2013

Wieder hinaus

ich bin nicht mehr
für die städte gemacht
nichts bedeuten mir
die spiegelnden fenster
hinter den schreienden türen
verbirgt sich die gier
und ich muss zu weit weg
um den wechselnden fahrplänen
zu entkommen
den organisierten kreuzungen
wo die schilder unkrautgleich wuchern
bin ich nicht mehr
für die städte gemacht
und die stromlinien verwirren die luft
nachts bleiben die himmel zu hell
niemand löscht alle lichter
niemand legt weiches papier
auf den rauschenden lärm
nie höre ich dazwischen die flüsse
kein gras dessen wachsen
ich tonlos bestaunen kann
kein baum der sich selbst genügt
drum will ich hinaus
von den städten wieder hinaus



Hermann Josef Schmitz

Dienstag, 13. August 2013

Das Leben ist.

„Das Leben ist weder einfach noch verzwickt, weder klar noch dunkel, weder widerspruchsvoll noch zusammenhängend. Das Leben ist. Die Sprache allein ordnet oder verwirrt es, erhellt oder verdunkelt es, zerstreut oder vereinigt es.“

Antoine de Saint-Exupéry (Die Stadt in der Wüste)


Montag, 12. August 2013

Am Liebsten

mit dir
bin ich am liebsten
in den städten
dort wo dein auge
hinter den fenstern hält
dort wo mich deine hände
aus meinen plänen tragen
bin ich am liebsten
mit dir


Hermann Josef Schmitz


Dieses Mal nicht mit der Liebsten, sondern mit einer großen Gruppe von Auszubildenden …








Sonntag, 11. August 2013

Sommerfrische

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.


Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil`s wohltut, weil`s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.


Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.



Joachim Ringelnatz

Samstag, 10. August 2013

Sommerhäfen


als sie fertig waren mit der ernte
dieses einen lebens
warfen sie noch einmal die anker
die sonne stand höher als vorgesehen
der himmel spannte den horizont weiter
nichts kam dagegen an
es war wieder zeit zum anhalten
zwischen den schattenfugen
lagen die worte wie eine mahnung
auf den feldern zwischen den
verbrannten rainen
eine einzige zusammenfassung
am abend würde der himmel
schon leichter sein
und meine hände würden die
verwelkte rose halten
ihr duft verwehend im segel
der wind leichtes gepäck




Hermann Josef Schmitz



In liebevoller Erinnerung an W. und M.





Freitag, 9. August 2013

Fallen

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.


Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.


Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.


Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.



Rainer Maria Rilke

Donnerstag, 8. August 2013

Überfluss

dahinfließender august
flügelwesen sonnen sich
im blütenschatten
deine birkenhaut mit
ihren kleinen verletzungen
hat sich gewandelt
zwischen den sonnenfenstern
entblösse ich mich
und gebe mich hin
schutzloser altar aus dem
regenschatten blühen
hibiskus echinacea salbei und
königsblumen ohne namen
ihr schein genügt
die tage sind begrenzt
nie ist die üppigkeit der liebe
wie in diesem sommer
wissen wir nichts weiter
von dem was kommt
wachsen uns aus
vergessen die worte
auf der sprachspur
atemleitplanken
ein gürtel aus sternen
später hinter dem
verdunkelten lid



Hermann Josef Schmitz

Mittwoch, 7. August 2013

Heumatt

Eine Atembreite Haar
gescheiterter Berge


Gestern glaubt ich
dem Gras
sein Grün


heute heumatt


Erdklumpen
auf einem Mohnrasen
lieg ich


Ameisen suchen
auf meiner Haut
Halme für ihr Heim



Rose Ausländer

Dienstag, 6. August 2013

Eingebrannt

in einer kammer in meinem herzen bleibt dieser tag mit dir eingebrannt und die sätze die bewegungen die gehaltenen hände und all die berührungen und diese kostbare nacht in ihrem lichtschein die silbernen worte aus glas das vermächtnis das sich in der wiederkehr birgt und nichts als ein glückliches schweigen zwischen den übergängen im blau und die unverschlossene kammer in der ich diese nacht aufbewahre


Hermann Josef Schmitz

Montag, 5. August 2013

Kindersommer

Erträumter einsamer blauer Engel
in meinem Herzen läutet ein heller Regen
in meinen Händen blühen die Glockenblumen
Salbeiblüten wehen mich an
die Perlenkette der Tränen gleitet
an den liegenden Schläfen nieder
immer ist Nachmittag
immer bin ich über einer Brücke von Staub
mein Birnbaum wirft Scherben ab
leise flötet der Schatten
mein Fusz ist warm und nackt an der Erde
drüben im dunklen Bereich der Schaukel
geigt die Angst
die Stuben sind dumpf und vertraut
über den feuchten Schwellen
blühen Schwertlilien auf
Abend lila und leicht
Abend durch vergessene Fenster
Abend
ich musz mein heiszes hüstelndes Kranksein
in hohen Kissen verbergen
Nacht
ich lasse Akazienblätter treiben
ich liebe den Wind
die rauschenden runden Weiden führen irgendwohin
eine Mohnblume wartet auf mich



Friederike Mayröcker



Nie ist der Garten am blauen Haus schöner als jetzt in seiner Blütezeit … ein leuchtender Altar und zwischendrin die drei Katzen Oblomow, Narziss und William Henry.













Sonntag, 4. August 2013

Erbe

ich trage
einen einzigen satz
von dir
und jede blühende ähre
der glatte ton von gras
der geruch aufkommenden windes
die wegstrecke
zwischen blitz und donner
die spannung
eines dünnen drahtes
sind mir zum erbe geworden
im leben
nach deiner zeit



                                               für P. (* 03.08.1932)

Hermann Josef Schmitz

Samstag, 3. August 2013

Vor der Ernte

Nun störet die Ähren im Felde
Ein leiser Hauch,
Wenn eine sich beugt, so bebet
Die andre auch.


Es ist, als ahnten sie alle
Der Sichel Schnitt -
Die Blumen und fremden Halme
Erzittern mit.



Martin Greif

Freitag, 2. August 2013

Ohne Titel

der laute atem
das scharnier zwischen
dem kommen der wellen
und ihrem verschwinden im sand
der leise wind
ohne schürze
der das wasser entschweigt
seine glätte aufbricht
und das kommen der wellen
und ihr verschwinden im sand



Hermann Josef Schmitz


Auf ein leises und leuchtendes Sommerwochenende ...



Donnerstag, 1. August 2013

Einsamer nie -

Einsamer nie als im August:
Erfüllungsstunde -, im Gelände
die roten und die goldenen Brände,
doch wo ist deiner Gärten Lust?


Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?


Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge -:
dienst du dem Gegenglück, dem Geist.



Gottfried Benn