Donnerstag, 31. Oktober 2013

Im Herbst

Die Sonnenblumen leuchten am Zaun,
Still sitzen Kranke im Sonnenschein.
Im Acker müh'n sich singend die Frau'n,
Die Klosterglocken läuten darein.


Die Vögel sagen dir ferne Mär,
Die Klosterglocken läuten darein.
Vom Hof tönt sanft die Geige her.
Heut keltern sie den braunen Wein.


Da zeigt der Mensch sich froh und lind.
Heut keltern sie den braunen Wein.
Weit offen die Totenkammern sind
Und schön bemalt vom Sonnenschein.



Georg Trakl

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Voreilig

am ende
wenn die heimat
dem boden gleich gemacht
wenn die alten freunde
für ein kaltes herz verkäuflich werden
tragen sie die opfer
schneller zu grabe
als es die beweispflicht ermöglicht
und wieder sind sich die schwarzmaler
und die schönredner näher
als du zu denken ahnst



Hermann Josef Schmitz

Montag, 28. Oktober 2013

Neues Wunder

in den oktobergärten
wenn das licht
seine farben ändert
und unter den gräbern
schon wieder
ein neues wunder wächst
bleibt die herbstfeuchte fuge
hinter dem blaugitter
in die ich mich schmiege
deinen atem in meinen lege
und bleibe in dir
wächst schon wieder
ein neues wunder



Hermann Josef Schmitz

Sonntag, 27. Oktober 2013

Vom Glück

„Viele Menschen wissen, dass sie unglücklich sind. Aber noch mehr Menschen wissen nicht, dass sie glücklich sind.“


Albert Schweitzer

Samstag, 26. Oktober 2013

Wissend

in einen tag schlafen
an dem ich dich
schon vor der nacht vermissen will



Hermann Josef Schmitz

Freitag, 25. Oktober 2013

Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald musst du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.


Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.


Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!


Es kommen härtere Tage.



Ingeborg Bachmann



Das die kommenden Tage weich bleiben mögen und das Licht einen Teppich in die Räume der Gedanken werfe. Schönes Wochenende.

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Aus dem Lot

sie lassen die zugbrücken
nicht mehr hinunter
ihre gerichte entscheiden
über das innere wohl
stand und schutz bieten höhere mauern
längst haben sie dabei
den weitblick verloren
etwas ist aus dem lot geraten
am ufer der schönen aussichten


Hermann Josef Schmitz

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Unvollständig

"Liebe bewirkt ein Gefühl der Unvollständigkeit, wenn der eine vom anderen getrennt ist."

Jules de Goncourt

Das hat mich beim Lesen in seiner Schwere und gleichzeitig in seiner Poesie sehr berührt.




Dienstag, 22. Oktober 2013

Oktoberlied

geh noch mal raus
das ist ein tag
zum werden und vergehen
die tiefen wiesen
liegen leise
vor den großen bäumen
und schatten fallen
während früchte leuchten
an hängen satt
und an den rainen dort
im goldnen licht
die hagebuttenblutgesichter
blühn noch mal auf
die menschen
in den festgezurrten kleidern
es ist dein tag
zum werden und vergehen



Hermann Josef Schmitz

Montag, 21. Oktober 2013

Präludium

ihr zuliebe können wir unsere eingebildeten Dinge
wieder beginnen zunächst einen Tisch einen runden an
dem wir etliche Plätze besetzen mürrisch
spiegeln wir uns in der beschlagenen Platte und mur-
meln züchtig die Anrufung noch ist ihr Spiegelbild
unsicher und von unseren Schatten umstellt (und wir
verraten ihr nicht wie wir sie belauern daß sie nicht
wegläuft das könnte sie etwa erschrecken) von der
Mitte nach außen stößt unser grämlich schiefer Ge-
danken sie weiter zum Rand ihr Bild rollt
langsam wie ein Ball und selbst ihr Lächeln ist
nicht mehr zu sehen dann heben wir die Augen be-
dächtig fügen wir neben uns Ausdruck um Ausdruck auf ihr
starres Gesicht später lassen wir um ihre Be-
wegungen mehrere Eindrücke kreisen und zwar
solche die wir von ihr haben möchten und bitten sie noch
blasser zu werden und sie möge ihr Lächeln eins nach dem
anderen weglassen hier kann das
Spiel beginnen dann können wir weitergehn



Mircea Ivănescu

Sonntag, 20. Oktober 2013

Pfingstrosenschnee

unsere schritte
blieben im ausgetrockneten fluss

wir trugen zeitlose
steine an land

uferlos verzweigten
die flüsse aus worten und worten

im stillen zimmer
fiel unerhört pfingstrosenschnee



Hermann Josef Schmitz

Das ist das Titelgedicht meines neuen Lyrikbandes, den es seit einigen Tagen gibt und an dem ich mich sehr freue. Die Inspiration zu „Pingstrosenschnee“ lest Ihr hier bei der lieben Ellen von Seelenruhig.  




Samstag, 19. Oktober 2013

Blätter

Blätter vor unseren Füßen
Wir nannten sie Blätter
Als die Wälder noch standen
Als der Wind noch hindurchfuhr
Was für Umwege wir machten
Wie viele Worte es gab



Hans-Ulrich Treichel



Freitag, 18. Oktober 2013

Weit werden

lichtverwürfnisse in einer
unsicheren landschaft
suchst du die wege neu
die bäume werden
wieder lichtdurchlässig
und von der sonne ungeblendet
siehst du weit in der ferne
wie schatten sich an schatten reiht
und in der stille ein wald
aus dämmerung erwächst



Hermann Josef Schmitz

Habt ein schönes Wochenende - planlos und gedankenvoll.



Donnerstag, 17. Oktober 2013

Leben

Leben ist das, was dir passiert,
wenn du eifrig dabei bist
andere Pläne zu machen.



John Lennon

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Ungewohnt bleiben

die wunde
des verlangens schließen
bis der tag graut
die himmel näher zueinander legen
die lippen als ufersäume
ins land wuchern lassen
sich wieder öffnen und hingeben
die wunden
bloß legen
damit das leben
sich nicht einrichten kann



Hermann Josef Schmitz





Dienstag, 15. Oktober 2013

MUT

Ist nicht immer ein lautes Gebrüll.
Manchmal ist es auch eine leise Stimme am Ende
des Tages, die spricht: „Morgen versuche ich es wieder.“


Mary Anne Radmacher

Montag, 14. Oktober 2013

Verbündung

die schwalben haben den himmel geleert
einer zieht dem sommer die farbigen laken ab
lüftet die ufer und äste
öffnet andere himmel als die bekannten
dort wo lungen und geheimnisse atmen
hinter der rafinesse der täuschung
liegen die flüsse im ursprung
hütet das dunkel die zärtlichkeit
bleiben die hände unsere verbündung



Hermann Josef Schmitz

Sonntag, 13. Oktober 2013

Samstag, 12. Oktober 2013

Anrücken

dann schleift der wind die messer
und trennt die blätter
für den letzten flug


dann glätten wege sich
verschwimmen an den rändern
und zwischen der vergänglichkeit
blüht eine letzte blume auf


dann macht sich wehmut breit
der sommer wird viel schneller
als du es willst erinnerung


dann hängen worte
wie ein zaun vorm abgrund
und hinter fenstern rücken
menschen wieder näher an



Hermann Josef Schmitz

Freitag, 11. Oktober 2013

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.


Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.


Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.



Rainer Maria Rilke


Ein schönes Oktoberwochenende wünsche ich Euch.

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Wechsel

die flure sind wieder geweitet
auf der linie zum horizont
bleiben vogelschwärme
die einzigen unterbrechungen
im frühgewordenen dämmerlicht
wechselt du die sichtachse



Hermann Josef Schmitz

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Kastanien

Auf dem glatten hellen Wege
liegen sie, verstreut und müde,
braun und lächelnd wie ein weicher Mund,
voll und glänzend, lieb und rund,
hör‘ ich sie wie perlende Etüde.


Wie ich eine nehme und in meine Hand sie lege,
sanft und zärtelnd wie ein kleines Kind,
denk‘ ich an den Baum und an den Wind,
wie er leise durch die Blätter sang,
und wie den Kastanien dieses weiche Lied
sein muß wie der Sommer, der unmerklich schied,
nur als letzten Abschied lassend diesen Klang.


Und die eine hier in meiner Hand
ist nicht braun und glänzend wie die andern,
sie ist matt und schläfrig wie der Sand,
der mit ihr durch meine Finger rollt.
Langsam, Schritt für Schritt, wie ungewollt
laß‘ ich meine Füße weiter wandern



Selma Meerbaum-Eisinger



Dienstag, 8. Oktober 2013

Besonders

es kann dauern
bis du verstehst
das die ausgelassene stunde
so selten sein darf
so besonders sein darf
wie die blaue blume
die in deinen gedanken
als bleibende sehnsucht
verankert



Hermann Josef Schmitz





Montag, 7. Oktober 2013

Liegen lernen

„Von einer Katze lernen
heißt siegen lernen.
Wobei siegen ‚locker durchkommen‘ meint,
also praktisch: liegen lernen.“



Robert Gernhardt


Nach zwei gemeinsamen Wochen fehlt mir meine Frau am meisten, aber ich gestehe, auch die 3 Katzen vermisse ich …

In der Reihenfolge:

Narziss
Oblomow
William Henry






Sonntag, 6. Oktober 2013

Ganz ohne Grund

ganz ohne grund
liegst du in meiner beuge
und während stille zieht
ein sicheres geländer
bleibt meiner hände fluss
hält takt mit deinem atem
ganz ohne grund



Hermann Josef Schmitz

Samstag, 5. Oktober 2013

Liebe

Und diese menschlichere Liebe
(die unendlich rücksichtsvoll und leise,
und gut und klar
in Binden und Lösen sich vollziehen wird)
wird jener ähneln,
die wir ringend und mühsam vorbereiten,
die Liebe, die darin besteht,
dass zwei Einsamkeiten
einander schützen, grenzen und grüßen.



Rainer Maria Rilke


Auch wenn die Kritiken durchweg gut klingen, hat mich der neue Peter Stamm nicht so stark angesprochen wie die seitherigen Bücher:




Freitag, 4. Oktober 2013

Vergessend

und die oktoberstunde
zwischen  nachmittag und abend
legt sich als wabe
über den gewölbten rücken
das geschundene gras
richtet sich auf
und hüllt sich vergessend
ins abnehmende licht



Hermann Josef Schmitz


Das abnehmende Licht soll Euch ein leichtes Wochenende schenken.

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Dennoch

„Liebe ist gesteigertes Leben, und Mitleben heißt Mitleiden, die Wünsche, Sehnsüchte und Bedrängnisse des andern als seine eigenen fühlen und dennoch das eigene Ich in seiner Einmaligkeit bewahren.“


Zenta Maurina



Aus dem wunderbaren Band „Die schönsten Liebespaare in der Kunst“.



Musik passend für herbstliche Tage:



Mittwoch, 2. Oktober 2013

Im Herbst

du wanderst vertraut
zwischen gefallenen früchten
unter schwergewordenen bäumen
flüstern leise die fasern der gräser
deine haltende hand
vertrautes wunder
unter dem herzen
trägst du den frühling
meinen frühling


Hermann Josef Schmitz


Das beste der drei Hein-Bücher, die ich jetzt gelesen habe …

Dienstag, 1. Oktober 2013

Geborgen

Aus dem wallenden Ozean der Menge kam ein Tropfen sanft zu mir,
flüsternd: Ich liebe dich, bald werde ich sterben,
ich bin einen langen Weg gereist, nur um dich zu sehen, zu berühren,
weil ich nicht sterben konnte, ehe ich dich einmal gesehen habe,
weil ich fürchtete, dich danach zu  verlieren.
Nun haben wir uns getroffen, haben uns gesehen, wir sind geborgen,
kehren in Frieden zum Ozean zurück, meine Liebe,
auch ich bin Teil des Ozeans, meine Liebe, wir sind nicht völlig getrennt,
Sieh das gewaltige Rund, den Zusammenhang von allem, wie vollkommen!
Aber für mich, für dich bedeutet das unaufhaltsame Meer Trennung,
trägt uns für eine Weile auseinander, doch kann uns nicht für immer auseinander tragen;
sei nicht ungeduldig – eine kurze Weile – wisse, dass ich die Luft, den Ozean und das Land grüße,
jeden Tag bei Sonnenuntergang um deinetwillen, meine Liebe.



Walt Whitman