Freitag, 31. Oktober 2014

In eigener Sache

wie soll ich mich
auskennen in mir
womit soll ich mich
ausweisen im leben
wenn meine gedanken
ihre eigene ordnung wählen
in was soll ich mich
hineinfinden
wenn ich nicht
aus mir herausfinde
wo soll ich bleiben
wenn meine mitte
leer geworden ist



Hermann Josef Schmitz



Ein schönes Wochenende mit langen Lichtzeiten und voller Mitte.

Donnerstag, 30. Oktober 2014

An die Nachgeborenen

I

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise.

In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen.
Auch ohne Gewalt auskommen,
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen,
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!



II

In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zur Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten.
Schlafen legte ich mich unter die Mörder.
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit.
Die Sprache verriet mich dem Schlächter.
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.


III

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.
Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es so weit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unserer
Mit Nachsicht.



Bertolt Brecht


Mittwoch, 29. Oktober 2014

Sehnsucht

auch der achte herbst begann
zeit geriet aus dem rhythmus
menschen waren gegangen
ich sehnte mich nach der ferne
in der ich zu selten wohnte
bäume blühten und verblühten
menschen änderten meinungen
das gelobte land lockte mit verheißungen
die es persönlich nicht erfüllen wollte
wenn die nachtflüsse anstiegen
vermisste ich noch mehr deine nähe
wie so vieles ungeschehene
auch der achte herbst begann
bäume grüßten mich mit schütterem geäst
wie einen alten weggefährten
das fensterlose herz verbarg
die gebrochene rose im finsteren



Hermann Josef Schmitz

Dienstag, 28. Oktober 2014

Oktoberlied

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
vergolden, ja vergolden!


Und geht es draußen noch so toll,
unchristlich oder christlich,
ist doch die Welt die schöne Welt,
so gänzlich unverwüstlich!



Und wimmert auch einmal das Herz
stoß an, und laß es klingen!
Wir wissen's doch, ein rechtes Herz
ist gar nicht umzubringen.



Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
vergolden, ja vergolden!



Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
es steht die Welt in Veilchen.



Die blauen Tage brechen an,
und ehe sie verfließen,
wir wollen sie, mein wackrer Freund,
genießen, ja genießen!



Theodor Storm

Montag, 27. Oktober 2014

Hinter Glas

wir lagen im glas
abnehmender zeit
hinter der tür
legte die nacht
regenblüten in 
kommende träume
wir lagen wort an
wort auf den lippen
goldfäden eines zurück
gelegten tages
wir lagen in haut
gehüllt hinter glas



Hermann Josef Schmitz

Sonntag, 26. Oktober 2014

Ein Wort

Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.


Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.



Gottfried Benn






Samstag, 25. Oktober 2014

Abgebrannte Rosenfeuer

sonntags in den straßen
mit den geschlossenen läden
wenn die trostlosigkeit
an jeder ecke plündert
wenn jede neue eitelkeit
sich ihren depressionen widmet
wenn nichts bleibt
als ein leerer mund
wenn kein arm in einem
haus dein sehnen stillt
dann bleibt ein bitterer geruch
von abgebrannten rosenfeuern



Hermann Josef Schmitz