Montag, 31. August 2015

Ohne Titel

es war immer der rand des lebens
der für uns gar nicht fassbare
ausgefranste rand ihres lebens
in dessen schatten sie sich
ohne identität bewegten
es waren immer
die dunklen verliese und katakomben
die ihnen geblieben waren
dort falteten sie die zeit
in kleine tüten
um in ihr aushalten zu können
es war immer die hoffnung
die sie vorantrieb
die sie nichts unversucht liess
als wegzukommen
von diesem rand
an dem ihr leben permanent wankte
es war immer die sehnsucht
von einem leben
in dem sich die lügen verloren hatten
und jeder neu aufgefaltete tag
einen rand hatte
der keine erbschrift der vergangenheit trug
es waren immer die raunenden flüsterer
die blieben
als sie längst gegangen waren


Hermann Josef Schmitz

Sonntag, 30. August 2015

Dem aufgehenden Vollmonde

Willst du mich sogleich verlassen?
Warst im Augenblick so nah!
Dich umfinstern Wolkenmassen,
Und nun bist du gar nicht da.


Doch du fühlst, wie ich betrübt bin,
Blickt dein Rand herauf als Stern!
Zeugest mir, daß ich geliebt bin,
Sei das Liebchen noch so fern.


So hinan denn! hell und heller,
Reiner Bahn, in voller Pracht!
Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,
Überselig ist die Nacht.



Johann Wolfgang von Goethe

Samstag, 29. August 2015

Am Ufer atmet sattes Grün

am ufer atmet sattes grün
das schweigen legt sich wie ein unsichtbarer zauber
in die weite eines frühen sommermorgens
fast unnatürlich hell stehn berge dort
und licht legt einen sanften mantel
auf die satt gewordnen hänge
jetzt reifen früchte dort
und sammeln ihre letzte süsse
ein früher vogel krächzt noch unbestimmt
dann steigt das licht
und im vergehen deiner schritte
siehst du wie nebeltropfenschleier sinken
und an den ufern atmet unverändert sattes grün



Hermann Josef Schmitz

Freitag, 28. August 2015

Post Scriptum Anno Fünfundvierzig

Inzwischen bin ich viel zu viel gereist,
Zu Bahn, zu Schiff, bis über den Atlantik.
Doch was mich trieb, war nicht Entdeckergeist,
Und was ich suchte, keineswegs Romantik.


Das war einmal. In einem anderen Leben.
Doch unterdessen, wie die Zeit verrinnt,
Hat sich auch biographisch was ergeben:
Nun hab ich selbst ein Emigrantenkind.


Das lernt das Wörtchen "alien" buchstabieren
Und spricht zur Mutter: "Don't speak German, dear."
Muß knapp acht Jahr alt Diskussionen führen,
Daß er "allright" ist, wenn auch nicht von hier.


Grad wie das Flüchtlingskind beim Rektor May!
Wenn ich mir dies Dacapo so betrachte . . .
Er denkt, was ich in seinem Alter dachte:
Daß, wenn die Kriege aus sind, Frieden sei.



Mascha Kaléko



Auf ein schönes Wochenende voller guter Gedanken und Begegnungen.

Donnerstag, 27. August 2015

Stille Post

am winddraht
entschlüssele ich
was du in der ferne
sagen wolltest



Hermann Josef Schmitz

Mittwoch, 26. August 2015

Im Garten des Serail

Rosen senken ihr haupt so schwer
Von tau und duft.
Pinien schaukeln so schweigsam und matt
In schwerer luft.
Quellen rollen ihr schweres metall
In träger ruh.
Minarets schauen in Türken-vertraun
Dem himmel zu.
Der halbmond spielt in das sanfte blau
So sanft hinein
Und küsst der lilien und rosen schar ·
Alle die blumen klein
Im garten des serail –
Im garten des serail.



Stefan George

Dienstag, 25. August 2015

Warten

ich lausche
unter meine haut
die müdigkeit
fließt wie ein alter fluss
durch den spätsommer
langsamer reibt das wasser
an steinen
gibt verborgenes frei
erinnerungen
blessuren
ich lausche
unter meine haut
und warte
auf die großen flüsse
des herbstes



Hermann Josef Schmitz

Montag, 24. August 2015

Naturgedicht

Die dinge hören nur, wenn du sie rufst
bei ihrem wahren namen


Getäuscht sein will allein
der mensch


Er täuscht sich
aus der welt hinaus, die dinge


kennen kein verzeihn



Reiner Kunze

Sonntag, 23. August 2015

Dahin

dieses haltlose flirren
dieses kreisen im sommerwind
ein tag ohne weite
ein tag der sich klaglos klein hält
dieses vergehen ohne raum ohne ziel
dieses vergehen im kürzer werdende licht
ein fluss der den sommer nährte
ein fluss der sich selbst vergass
dieses untergehende sternengestein
dieses kühl gewordene licht



Hermann Josef Schmitz




Samstag, 22. August 2015

Oft ist das Leben

Oft ist das Leben lauter Licht
Und funkelt freudefarben
und lacht und fragt nach denen nicht,
Die litten, die verdarben.


Doch immer ist mein Herz bei denen,
Die Leid verhehlen
Und sich am Abend voller Sehnen
Zu weinen in die Kammer stehlen.


So viele Menschen weiß ich,
Die irren leidbeklommen,
All ihre Seelen heiß ich
Mir Brüder und willkommen.


Gebückt auf nasse Hände
Weiß ich sie abends weinen,
Sie sehen dunkle Wände
Und keine Lichter scheinen.


Doch tragen sie verborgen,
Verirrt, und wissen’s nicht,
Durch Finsternis und Sorgen
Der Liebe süßes Licht.



Hermann Hesse

Freitag, 21. August 2015

Abschied

I

wenn du gegangen bist
halte ich den laut deiner tränen
in meinen händen
auf meiner schulter eine salzspur
und in der luft eine rauhe stelle
wenn du gegangen bist
mit schmerz hinter den augen



II

wenn du gegangen bist
schliesse ich die fenster und türen
damit du noch einen augenblick bleiben kannst
dein duft ein nest zwischen den laken
der schwung deiner bewegung
wie eine unerwartete berührung
der glanz deiner augen
ein unbesehenes fenster



Hermann Josef Schmitz



Auf ein schönes sommerliches Wochenende voller Vergnügungen.

Donnerstag, 20. August 2015

Nänie

Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
      Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
      Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
      Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
      Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
      Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
      Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
      Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.



Friedrich Schiller


Endlich angekommen, ich freue mich aufs Hören:




Mittwoch, 19. August 2015

Ich lebe so gerne in Dir

ich lebe so gerne in dir
mit geschlossenen augen wandere ich
durch deine meere
atme von deinem ungezügelten herzschlag
ich lebe so gerne in dir
zwischen freiheit und verbindung
bist du mir hafen
an allen plätzen aus tagen und nächten
ich lebe so gerne in dir



Hermann Josef Schmitz



Und zusammen sind wir auch dieses Jahr wieder am 19. und 20. September 2015 in Wertheim am Glasperlen Symposium 2015 und freuen uns auf viele Kontakte.