Dienstag, 31. Mai 2016

Liebe

Wieder will mein froher Mund begegnen
Deinen Lippen, die mich küssend segnen,
Deine lieben Finger will ich halten
Und in meine Finger spielend falten,
Meinen Blick an deinem dürstend füllen,
Tief mein Haupt in deine Haare hüllen,
Will mit immerwachen jungen Gliedern
Deiner Glieder Regung treu erwidern
Und aus immer neuen Liebesfeuern
Deine Schönheit tausendmal erneuern,
Bis wir ganz gestillt und dankbar beide
Selig wohnen über allem Leide,
Bis wir Tag und Nacht und Heut und Gestern
Wunschlos grüßen als geliebte Schwestern,
Bis wir über allem Tun und Handeln
Als Verklärte ganz im Frieden wandeln.



Hermann Hesse

Montag, 30. Mai 2016

Im Regen gehen

geheimnisvoll ist es
durch den regen zu gehen
unzählige trommler
stimmen sich ein
rhythmus über blüten blättern
und hinter gräsern
unter den erhabenen bäumen
gehen ihre stimmen viel tiefer
unzählige regenfährten
abseits der wege entdecken
zwischen pfingstrosen und farn
und unter dem mammutbaum
sternenmoos voller kristalle
regenperlen fingerhüte mohnzauber
und mitten im regen
durch das leben gehen
mitten in ihm sein
mit dir sein stimme an stimme
verwinkeltes auge
dazwischen ein herzschlag
beschleunigt vor freude über dich
geheimnisvoll ist es
mit dir im regen zu gehen



Hermann Josef Schmitz








Sonntag, 29. Mai 2016

Ein Füllhorn von Blüten

Ein Füllhorn von Blüten,
Ein zweites von Früchten
Wie möchte‘ ich gemütlich
Zum Feste sie richten!
Doch saust ein Gestöber
In Lüften so wild;
Wo alles erstarret,
Genieße das Bild!
Begrüße die Bilder!
Sie gingen voran,
Und andere folgen –

So fort und fortan!



Johann Wolfgang von Goethe



Der Park der Kantonalen Gartenbauschule Oeschberg ist immer einen Spaziergang wert.









 








Samstag, 28. Mai 2016

Ende Mai

I

die blütenkolonien am hang
atmen im dunklen regengeflecht



II

ich lebe im zwischenraum
dort wo du die liebe verschwendest



Hermann Josef Schmitz

Freitag, 27. Mai 2016

Fortschritt

Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter,
als ob es jetzt in breitern Ufern ginge.
Immer verwandter werden mir die Dinge
und alle Bilder immer angeschauter.
Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter:
mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche
ich in die windigen Himmel aus der Eiche,
und in den abgebrochnen Tag der Teiche
sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.



Rainer Maria Rilke



Genießt das letzte Maiwochenende mit dem üppigen Grün der Bäume und Wiesen und dem Leuchten der Blüten und Sterne ganz besonders.

Donnerstag, 26. Mai 2016

Das hätte dir gefallen

das hätte dir gefallen
als der regen die mohnhäuser segnete
und der liebe gott das junge getreide in die höhe trieb
immer hättest du auch in den händen gespürt
wenn die zeit gereift wäre
das gras zu schneiden
den alten traditionen verpflichtet zu bleiben
hättest kopfschüttelnd die ratschläge anderer negiert
und deine eigene meinung ohne wenn und aber verteidigt
das hätte dir gefallen
wenn der frühe sommer überfallartig
die felder und wiesen in besitz genommen hätte
wenn die großen bäume einen weiteren ring genährt hätten
und dann hättest du auf einem jungen grashalm gepfiffen
fern jeder technik und fern jeder moderne
hättest du dich in diesem moment am wohlsten gefühlt
mit einer zigarette im mund
einer katze die um die beine streifte
und dem kurzen vergessen einer vergangenen zeit ohne erfüllung



                                                                                  für P.


Hermann Josef Schmitz

Mittwoch, 25. Mai 2016

Rezept

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.


Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.


Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.


Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.


Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.


Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.


Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.



Mascha Kaléko

Dienstag, 24. Mai 2016

Am Leben vorbei

wir lavieren uns
von folgetermin
zu folgetermin
wir irrlichtern
mit unsicherem kalkül
durch die komfortzonen
fällen entscheidungen
über folgetermine
und bleiben dabei
unentschieden zu sein
verzögert und ohne kalkül
schrammen wir
am leben vorbei



Hermann Josef Schmitz

Einmal mehr lesenswert, das neue Buch von Peter Stamm.



Montag, 23. Mai 2016

Der größte Genuss

Es ist nicht das Wissen,
sondern das Lernen,
nicht das Besitzen,
sondern das Erwerben,
nicht das Dasein,
sondern das Hinkommen,
was den größten
Genuss gewährt.



Carl Friedrich Gauß

Sonntag, 22. Mai 2016

Jetzt hoch hinaus

jetzt hoch hinaus
und in des himmels blaue weite
schon leuchten müde
nur noch weiss verblühte sterne
an rändern zwischen grossen bäumen


jetzt hoch hinaus
und ohne flügel deine seele
wie eines flusses wellen ohne an ein ende zu gelangen
wie eines windes segel aufgespannt und frei


jetzt hoch hinaus
und losgelassen von des ortes freude
wo die erinnerung sich wie ein stilles nest hinschmiegt



Hermann Josef Schmitz


Heute gehen ganz besondere Grüsse an den lieben J. - wir freuen uns mit Dir auf Deine Konfirmation.