Freitag, 30. September 2016

Herbst

Im Herbst sammelte ich alle meine Sorgen
und vergrub sie in meinem Garten.
Und als der April wiederkehrte und
der Frühling kam, die Erde zu heiraten,
da wuchsen in meinem Garten schöne Blumen,
nicht zu vergleichen mit allen anderen Blumen.
Und meine Nachbarn kamen, um sie anzuschauen,
und sie sagten zu mir:


Willst du uns, wenn der Herbst wiederkommt,
zur Saatzeit, nicht auch Samen dieser Blumen geben,
damit wir sie in unseren Gärten haben?



Khalil Gibran


Ein schönes und sorgenfreies Wochenende möge der Oktoberbeginn sein.





Donnerstag, 29. September 2016

Was du tun kannst

in der ferne warten die wälder
schwarzen häusern gleich
auf die langen monate der dunkelheit
aber der späte sommer verspürt
keinen drang des verabschiedens
unverändert stehen die kräne still
glockengeläut schreibt lieder in die luft
und die menschen füllen die weite
wenn jetzt noch einer kommt
bevor diese langen dunkelmonate brechen
und seine heimat sucht wie ein zimmer
dann nimm doch für einen moment
deine weiten arme und entschlüssle
diese unbekannte und unbestimmte angst
und frage einmal was du tun kannst



Hermann Josef Schmitz

Mittwoch, 28. September 2016

Die Steine

Die Steine, die wir geworfen, höre ich
fallen, glasklar durch die Jahre. Im Tal
fliegen die verworrenen Handlungen
des Augenblicks schreiend von
Wipfel zu Wipfel, verstummen
in Luft, dünner als die des Jetzt, gleiten
wie Schwalben von Gipfel
zu Gipfel, bis sie
die äußersten Plateaus erreicht haben
längs der Grenze des Seins. Dort fallen
all unsre Taten
glasklar
auf keinen andern Boden
als uns selbst.



Tomas Tranströmer

Dienstag, 27. September 2016

Siebenundzwanzig

am beginn eines neuen jahres
ein flüchtiges wolkenbeet anlegen
dem wir augenblicklang folgen
die segel setzen und auf wind warten
und wissen er wird sich aufmachen
geduldig bleiben wenn es darauf ankommt
in der liebe weiter auf unsichere pläne setzen
denn sicher ist einzig der tag
und mit ihm der atemweg der herzschritte
denn sicher ist einzig die zuneigung
wie das wurzelwerk eines gereiften baumes
am beginn eines neuen jahres
die feuernester unter den vulkanen behüten
wie eines hellen morgens horizont
dem wir lustverloren hingegeben sind
die schritte aufnehmen und neue wege suchen
mit den menschen die bedeutend sind
auf dem gemeinsamen weg wachsen und in uns wachsen
wachsam bleiben und doch frei wie der rote milan weit oben
in erinnerungen haften ohne aufgehalten zu werden
sich unverändert an unserem zusammenkommen freuen
und in der liebe bleiben wieder und wieder



                                                                                   für Annemarie


Hermann Josef Schmitz

Montag, 26. September 2016

Gesundes Gewissen

„Wenn man ein recht kräftiges, von Gesundheit strotzendes Gewissen hätte, dann getraute man sich zu tun, was man am liebsten möchte.“

 
Henrik Ibsen

Sonntag, 25. September 2016

Kommt es vor

in all den fremden verpflichtungen
die dich mit falschen komplimenten umarmen
kommt es vor
dass du dich tagelang selbst vergisst
und das gesicht des morgens bereits vor der blüte unkenntlich wird
dann schließt sich eine woche
und kaum ein wort findet sich für das was in dir geschehen ist
und für das längst jedes gefühl abhanden kam


in all den fremden vorkehrungen
die dein schutzloses leben absichern wollen
kommt es vor
dass du dich lebenszeitlang verschrieben hast
der wirtschaftsweisheit einer misanthropenherde
und sich doch keine zeit stunden lässt sondern in der dämmerung vergeht
wie eines blühend hellen feldes ernte sich im schlund der herrschenden verliert
wie eines langen sommers dunkle haut ins blasse kehrt



Hermann Josef Schmitz

Samstag, 24. September 2016

Durcheinander

Sich lieben
in einer Zeit in der Menschen einander töten
mit immer besseren Waffen
und einander verhungern lassen


Und wissen
dass man wenig dagegen tun kann
und versuchen
nicht stumpf zu werden


Und doch
sich lieben
Sich lieben
und einander verhungern lassen
Sich lieben und wissen
dass man wenig dagegen tun kann
Sich lieben
und versuchen nicht stumpf zu werden


Sich lieben
und mit der Zeit
einander töten
Und doch sich lieben
mit immer besseren Waffen



Erich Fried

Freitag, 23. September 2016

Wunder

auch die gräser
haben maß und ordnung
wenn man sie lässt



Hermann Josef Schmitz



Ein schönes Wochenende mit vielen Begegnungen in dem Wunder Natur.

Donnerstag, 22. September 2016

Am fernen Abend

Du bist so weit von mir entfernt
Am Abend zwischen deinen Freunden;
Meist ist das Dunkel über uns entsternt...
Dann leide ich wie unter Feinden.
Doch glühen die Lichte in den Wolkenzweigen,
So sind sie alle unser Eigen.


Und manchmal kommt ganz weich die Luft
Und streichelt meine und dann deine Wange.
Und deine Stimme ist es, die mich ruft,
Aus allen Stimmen gleitend, in der Halle.
- Und mich umarmen viele Himmel in dem Schalle.


Ich finde aber auch in deinen Augen keine Rast
Und keinen Trost im stummen Zuspruch deiner Reden -
Ich fiel der Liebe und sie mir zur Last.
Mein letzter Schimmer leuchtet heim den Gast,
Ein stilles Kleinod für jedweden.


Und weiß, daß du alleine lieb mich hast ... ganz alleine.
Und bin ich dir auch unbegreiflich fast,
So sagen all die weichen Worte, daß ich weine.



Else Lasker-Schüler