Montag, 31. Oktober 2016

Man sollte schreiben

man sollte schreiben
über die umnachtung der nacht hinaus
durch die hellen und dunklen tage
sollte man schreiben


man sollte schreiben
wie sterne den nachthimmel berühren
über die hellen und dunklen tage
sollte man schreiben


sollte nicht aufhören mit schreiben
wenn die lichtseide verklebt
wenn der erste schnee blüht
sollte man aufs neue beginnen zu schreiben



Hermann Josef Schmitz



Heute ist das mein Antwortgedicht zum gestrigen Post von Gabriele Pflug.

Sonntag, 30. Oktober 2016

man sollte nicht schreiben

man sollte nicht schreiben
in der umnachtung des schlafes


färbt die schwärze alle wörter
gebärden sich wie kleine mörder


nur über der senke
blüht schon erster schnee



Gabriele Pflug

Samstag, 29. Oktober 2016

Es liegt was in der Luft

es liegt was in der luft
um dessen nebenwirkungen du noch nicht weißt
die prediger haben sich verändert
und mit ihnen sind die worte fad geworden
die legenden sind aus den bäumen der erkenntnis verschwunden
nichts deutet darauf hin
dass etwas besser werden könnte
die wundertage sind vorbei
aber unverändert verwechseln die gierigen wachstum mit wunder
es liegt was in der luft
von dem die architekten des unglücks schreiben
und die prediger folgen diesen worten
drehen und wenden sie im intervallum
nichts heiligt mehr die geheimnisse
nichts wird mehr verwechselt als die wahren wunder
und den preis zahlen immer die anderen



Hermann Josef Schmitz

Freitag, 28. Oktober 2016

Zusammen mit ihr

Da schwer zu ertragen die Zeit, warte auf mich:
wir wollen mit Lust sie durchleben.
Reich deine kleine Hand mir:
wir wollen aufsteigen und leiden,
wollen hinüberspringen und fühlen.
Laß uns von neuem das Paar sein,
das an struppigen Orten gelebt,
in Felsennestern, rauhen.
Da so lang diese Zeit währt, warte auf mich
mit dem Korbe, mit deiner Schaufel,
mit deinen Schuhen und deinem Kleid.
Jetzt, wir haben uns nötig,
nicht für die Nelken allein,
nicht nur, um Honig zu suchen:
wir brauchen unsere Hände
zum Waschen, um Feuer zu machen,
und erdreisten soll sich die hartherzige Zeit nur,
herauszufordern die Unendlichkeit
von vier Händen, vier Augen.



Pablo Neruda




Mit der Musik eines großartigen deutschen Bassisten und der Freude auf fünf freie Tage wünsche ich Euch ein wunderbares Wochenende und viel gemeinsame Zeit.






Donnerstag, 27. Oktober 2016

Auflösen

die fragen lösen sich
in wohlgefallen
und an den bäumen schweigen
alle blätter vor dem fall
maschinenrhythmen ruhen
in verschlossenen räumen
nur mattes gold fällt
aus den aufgewachten himmeln
noch schmiegen felder sich
im dunst der angefangenen stunde
das silbergras wächst noch nicht dahin
wo sich das leben zündet
streichelst du mit deinem atem
die stille luft für einen augenblick
lösen sich die fragen auf in wohlgefallen
am fenster glänzt zunehmend spiegellicht



Hermann Josef Schmitz

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Noch fürcht ich

Noch fürcht ich, dich mit dem Garn meines Atems zu binden,
dich zu gewanden mit den blauen Fahnen des Traums,
an den Nebeltoren meines finsteren Schlosses
Fackeln zu brennen, daß du mich fandest...


Noch fürcht ich, dich aus schimmernden Tagen zu lösen,
aus dem goldnen Gefälle des Sonnenflusses der Zeit,
wenn über dem schrecklichen Antlitz des Monds
silbrig mein Herz schäumt.


Blick auf und sieh mich nicht an !
Es sinken die Fahnen, verflammt sind die Fackeln,
und der Mond beschreit seine Bahn.
Es ist Zeit, daß du kommst und mich hältst, heiliger Wahn!



Ingeborg Bachmann

Dienstag, 25. Oktober 2016

Jetzt

der tiefe des blaus aufs neue begegnen
nicht an die dunklen tage glauben wollen
einsichten gegen weitsichten tauschen
im garten aus wundern im jetzt werden
sorgentürme unverwundbar schließen
den gerüchten ohne worte schranken setzen
sich den eigenen kopf wieder zu eigen machen
unbedingt lieben und wieder nach küssen sehnen



Hermann Josef Schmitz