Freitag, 31. März 2017

Der Albatros

Oft kommt es dass das schiffsvolk zum vergnügen
Die albatros · die grossen vögel · fängt
Die sorglos folgen wenn auf seinen zügen
Das schiff sich durch die schlimmen klippen zwängt.


Kaum sind sie unten auf des deckes gängen
Als sie · die herrn im azur · ungeschickt
Die grossen weissen flügel traurig hängen
Und an der seite schleifen wie geknickt.


Er sonst so flink ist nun der matte steife.
Der lüfte könig duldet spott und schmach:
Der eine neckt ihn mit der tabakspfeife ·
Ein andrer ahmt den flug des armen nach.


Der dichter ist wie jener fürst der wolke ·
Er haust im sturm · er lacht dem bogenstrang.
Doch hindern drunten zwischen frechem volke
Die riesenhaften flügel ihn am gang.



Charles Baudelaire


Endspurt - wir freuen uns auf den Start morgen im Schloss Jegenstorf und auf eine tolle Ausstellung mit vielen schönen Begegnungen.
Und allen, die hier lesen, die uns besuchen, die an uns denken und die uns verbunden sind, wünschen wir ein prächtiges Frühlingswochenende.






Donnerstag, 30. März 2017

Ausgezehrt

der verschwundene mund der städte
die schon längst nichts mehr zu sagen haben
in all ihrer schwere längs der tage aus kränkungen
deren blutbahnen aufgeriebene strassen sind
diesen türmen und blöcken in ihrer tristesse
im schweigen begegnen und vergebens nach etwas suchen
was dich einladen könnte abseits der statistiken


die erloschenen augen der städte
die sich im anblick verzehrten und blind wurden
in all diesen stehengebliebenen geschichten
die hinterhöfe mit ihrem zorn und ihren schlägen
ihre müden mauergerippe nackt und erbärmlich
dieser stetige wechsel zwischen ruinen und aufbrüchen
und die dazwischen heimisch gewordene einsamkeit



Hermann Josef Schmitz


Ich habe schon eine Weile keine gelesenen Bücher mehr gepostet. Das lag daran, dass ich in den letzten Wochen eine komplette Krimireihe lesen "musste". Die mag ich ja zwischendrin immer mal wieder und am liebsten, wenn sie in Deutschland spielen. Die "Zorn"-Reihe wurde auch verfilmt, bei Youtube gibt es komplette Filme.
Und mit Band 1 beginnen (und nicht wie ich mit Band 6 im Urlaub), jedes Buch ist in sich geschlossen, was die Fälle betrifft und die Lebensgeschichten der Ermittler ziehen sich durch.









Mittwoch, 29. März 2017

Dein Haar überm Meer

Es schwebt auch dein Haar überm Meer mit dem goldnen Wacholder.
Mit ihm wird es weiß, dann färb ich es steinblau:
die Farbe der Stadt, wo zuletzt ich geschleift ward gen Süden . . .
Mit Tauen banden sie mich und knüpften an jedes ein Segel
und spieen mich an aus nebligen Mäulern und sangen:
»O komm übers Meer!«
Ich aber malt als ein Kahn die Schwingen mir purpurn
und röchelte selbst mir die Brise und stach, eh sie schliefen, in See.
Ich sollte sie rot dir nun färben, die Locken, doch lieb ich sie steinblau:
O Augen der Stadt, wo ich stürzte und südwärts geschleift ward!
Mit dem goldnen Wacholder schwebt auch dein Haar überm Meer.



Paul Celan

Dienstag, 28. März 2017

Zuversicht

am rand einer lichthalde sitzen
die gestaute zeit auflösen
im anemonenfeld aufgehen
und zuversichtlich darauf warten
dass die angstblüte
am rand der dämmernis vergeht



Hermann Josef Schmitz





Montag, 27. März 2017

Das Zeugnis der Muschel

Jahrmillionen verfließen,
auch die Meere vertrocknen.
Einmal mitten im Festland
ergräbst du vielleicht eine Muschel.


Klein und zerbrechlich
hat sie den Ozean
überdauert.
Und aus dem leeren Gehäuse
flutet er zu dir zurück
ins Herz

als unendliche Woge.



Christine Busta

Sonntag, 26. März 2017

Abschied

noch dieser eine blick in den spiegel
und ein letzter gedanke an rückkehr
ein letztes winken am fenster hinaus
bis das spüren der berührung leise verblasst
ein anderer gedanke an heimkehr
über die augen zieht wie ein konzentrat
die straße sich öffnet mit ihren beschilderten anweisungen
noch dieser eine blick in den spiegel
und wissen wie du verschwindest aus dem augenwinkel
später dann und wann ein stilles lächeln
wenn eine unerkannte blume im fortbewegen aufgeht
etwas das flüchtig war bewusster wird
und die hoffnung sich nährt auf tage die kommen mit dir



Hermann Josef Schmitz

Samstag, 25. März 2017

Bitte an einen Delphin

                                                                                           Für Christine Busta


Jede Nacht
mein Kissen umarmend wie einen sanften Delphin
schwimme ich weiter fort.


Sanfter Delphin
in diesem Meer von Herzklopfen,
trage mich


wenn es hell wird,
an einen gütigen Strand.
Fern der Küste von morgen.



Hilde Domin

Freitag, 24. März 2017

Bereit für die Reise

wenn das wasser zu stark wird
werden die steine bereit für die reise
schnell fallen sie aus den stockwerken ihrer gewohnheit
reiben sich im fließen des wassers
und des eigenen bewegens
schauen den vorbeistehenden ufern zu
wie ihnen ein warmer flaum wächst
und im inneren tief in ihrem inneren
formen sich worte die immer bleiben
wenn das wasser zu stark wird
wenn es von den bergen kommend
die gesänge des schnees davonträgt
über die herabhängenden äste schnellt
werden die steine bereit für die reise



Hermann Josef Schmitz




Auf ein schönes erstes Frühlingswochenende mit Blüten, weiten Himmeln und offenen Armen.




Donnerstag, 23. März 2017

Die Nachtblume

Nacht ist wie ein stilles Meer,
Lust und Leid und Liebesklagen
Kommen so verworren her
In dem linden Wellenschlagen.


Wünsche wie die Wolken sind,
Schiffen durch die stillen Räume,
Wer erkennt im lauen Wind,
Ob's Gedanken oder Träume? -


Schließ ich nun auch Herz und Mund,
Die so gern den Sternen klagen:
Leise doch im Herzensgrund
Bleibt das linde Wellenschlagen.



Joseph von Eichendorff




Und dazu poste ich Tagblumen – weiße Krokusse im Garten der Liebsten.